Reck und Barren – Wiener Zeitung. September 2014

Schnell erfolgreich könne man bei Street-Workout sein, sagt Oleksii Odnolkin. Photocredit: Luiza Puiu

Von Bernd Vasari

Der Student Oleksii Odnolkin will die internationale Trendsportart Street Workout in Wien bekannter machen.

Wien. Ein schmaler Sportplatz am Donaukanal. Auf frisch aufgeschüttetem Rindenmulch ragen Reckstangen in verschiedenen Größen empor. Ein Zaun trennt den Sportplatz von der U-Bahn, die alle paar Minuten vorbeidonnert. Auf der anderen Seite ein betonierter Weg, dahinter der Fluss. Hier trainiert Oleksii Odnolkin – nackter, muskelbepackter Oberkörper, graue Camouflage-Hose, blondes, ungekämmtes Haar. „Das, was Sie hier sehen, kommt vom jahrelangen Training“, sagt der 23-Jährige und spannt seine Muskeln an. Jeden Tag kommt er hier her. So wie etwa 30 andere auch, die wie Odnolkin Street-Workout betreiben.

„Street-Workout, das sind Übungen mit dem Eigengewicht aus einer Kombination von Athletik und Kraft“, erklärt er. Trainiert wird im Freien. „Wir machen Sport an der frischen Luft und sind unabhängig.“ In einer Sporthalle oder mit einem Trainer hat Odnolkin noch nie trainiert. Stattdessen helfen sich die Kraftpakete gegenseitig bei den Work-outs. „Wir tauschen unsere Erfahrungen untereinander aus.“

Odnolkin zieht zwei orangefarbene Handschuhe aus seiner Hosentasche, streift sie sich über beide Hände und springt auf das Reck. Mit verzerrtem Gesicht dreht er sich rücklings um die Stange, wobei er sich mit dem rechten Arm, den er ausstreckt, an der Stange festhält. „Für mich ist Sport mehr Erholung, als wenn ich auf dem Sofa liegen würde“, sagt er, nachdem die Übung vollendet ist. „Oft komme ich am Abend total erschöpft hier her. Nach 10, 20 Minuten Training wird mein Kopf dann frei und ich fühle mich wie neu renoviert.“

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Eine halbe Stunde Training pro Tag Würde reichen, um nach zwei Monaten 20 Klimmzügen zu schaffen. Photocredit: Luiza Puiu

 

Relikt aus der Sowjetzeit

Seit zehn Jahren hält sich der 23-Jährige bereits auf der Straße fit. Begonnen hat er in einem Hinterhof in Charkiw, wo er aufgewachsen ist. In der ukrainischen Stadt würden in den Höfen Recke und Barren aller Art herumstehen, erzählt Odnolkin. „Ein Relikt aus der Sowjetzeit.“ In Charkiw sei es zudem üblich, im Freien zu trainieren. Als der Ukrainer vor ein paar Jahren zum Studieren nach Wien kam, war er hingegen einer der Wenigen, die nicht in ein Fitnesscenter gehen wollte. „Da ich niemanden fand, machte ich mich alleine auf den Weg und habe wochenlang nach idealen Plätzen auf der Straße gesucht. Ich kenne Wien jetzt wahrscheinlich besser als so mancher Wiener.“ Dann entdeckte er den Sportplatz in der Nähe der Friedensbrücke.

Die Reckstangen, die er vorfand, waren allerdings sehr niedrig. „Ich habe mich daraufhin an die Behörden gewandt, um bessere Geräte zu bekommen.“ Diese haben sein Anliegen erstmals ignoriert. „Die Beamten saßen in ihren Büros und dachten wahrscheinlich: Je mehr Sportplätze, desto mehr Verletzungen“, kritisiert der 23-Jährige das anfängliche Desinteresse der Behörden. Doch Odnolkin gab nicht auf und schrieb einen Brief nach dem anderen. Als dann das O.k. kam und die Geräte ausgetauscht wurden, musste er allerdings wieder von vorne anfangen. „Die Reckstangen wurden schief aufgestellt und waren deshalb sehr gefährlich“, sagt Odnolkin und schüttelt den Kopf. Nach weiteren Briefen und knapp einem Jahr später hat er schließlich bekommen, was er wollte: „Die Geräte, die Sie hier sehen, sind ganz neu.“

GimBarr an Roßauer Lände

Street-Workout hat seine Wurzeln in New York City. Vor etwa zehn Jahren etablierte sich in der US-Metropole eine Szene rund um das Training im Freien. Workout-Parks gab es anfangs vor allem in den ärmeren Vierteln in Harlem und in der Bronx. International bekannt wurde die Trainingsform durch Youtube-Videos des New Yorkers „Hannibal for King“, auf denen dieser gekonnt die spektakulärsten Übungen inszenierte.

Auch Oleksii Odnolkin filmt seine Trainings und stellt sie auf Youtube. Kaum ein Video hat allerdings mehr als 200 Klicks. Der 23-Jährige zuckt mit seinen Schultern. „In Wien sind wir erst am Anfang“, sagt er. Viel wichtiger sei der Respekt auf dem Platz. Und der wird ihm entgegengebracht. Während des Gesprächs gibt es kaum jemanden, der den Ukrainer beim Betreten des Sportplatzes nicht begrüßen würde. Als er eine weitere Übung vorzeigt, zieht er sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Odnolkin hechtet auf einen Zaun, spannt beide Arme an und verharrt für einige Sekunden in der Horizontale. Die anderen quittieren seine Leistung mit „Bist du deppert“, „Das tut doch weh, Mann“, oder auch: „Der kann das im Schlaf.“

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Oleksii Odnolkin – Wiener Zeitung. Photocredit: Luiza Puiu

 

Ein Reck für jeden Park

Sporplätze WienISW 

„Es kommen hier nicht nur Jugendliche vorbei. Manche gehen auch nur laufen, machen zwischendurch zehn Klimmzüge und laufen wieder weiter“, erzählt Odnolkin. Das Verhältnis untereinander sei gut. Niemand würde den anderen auslachen. Das steigende Interesse an Street-Workout, ist für ihn keine Überraschung. Man könne in diesem Sport schnell erfolgreich sein. Eine halbe Stunde Training pro Tag würde reichen, um nach zwei Monaten 20 Klimmzüge zu schaffen, rechnet er vor. Der Platz am Donaukanal ist nicht der einzige Ort in Wien, wo man sich zum Street-Workout trifft. Beliebte Plätze sind auch der Esterhazypark im 6. Bezirk sowie der Pezzlpark in Hernals.

Auch wenn Odnolkin jeden Tag trainiert, für ihn ist die Trainingsform nur ein Hobby, wie er betont. Am liebsten würde er sein Studium der Veterinärmedizin fortführen. Dafür müssen aber seine Zeugnisse aus der Ukraine nostrifiziert werden. Wie lange das dauern wird, weiß er nicht.

Bis dahin möchte der Student Street-Workout in Wien bekannter machen. Dafür seien aber zuerst weitere Geräte nötig, betont der 23-Jährige. Er wünscht sich in jedem Park ein Reck in der Höhe von 2 Meter 30. „Das kostet nicht viel. Und es gibt bis zu 1000 Übungen, die man machen kann.“ Um dieses Ziel zu erreichen, geht er den ihm bereits vertrauten Weg: „Die ersten Briefe habe ich schon geschrieben.“

Für Samstag, 13 Uhr hat er am Donaukanal ein internationales Training über Facebook organisiert. Er erwartet etwa 40 Sportler aus England, Slowakei und Ungarn. Street-Workout werde sich auch in Wien durchsetzen, so Odnolkin. „Der Wien-Marathon hat auch klein angefangen. Heute laufen dort 42.000 Menschen mit.“

Roßauer Lände – Ende Gut alles Gut

 

Wiener Zeitung - Reck und Barren - Oleksii Odnolkin

Wiener Zeitung 

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/stadtleben/663465_Reck-und-Barren.html

Wiener Zeitung - Reck und Barren - Oleksii Odnolkin

Wiener Zeitung – Reck und Barren

 

 

 

 

 

 

Diskussion: Es gibt 1 Kommentar
  1. JimmiNu sagt:

    phenomenally

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